Und die Gewinnerin des Wettbewerbs "Geschichten aus dem Cadore" ist Lydia Karstadt alias Manfred Kirschner aus Berlin, der den Aufruf zum Wettbewerb beim Wort genommen hat: Entstanden ist dabei unter dem Titel "Sterne über dem Tal" geradezu eine komplexe Geschichte über eine Eismacherfamilie aus dem Cadore.
Auf dem Höhenflug über die Dolomiten aus Schlagsahne
Dabei hat Lydia Karstadt schon bei dem Einreichen ihrer Kurzgeschichte die Jury überrascht. Sie schreibt:"Ich war noch nie im Cadore und fühle mich deshalb gerade wie Karl May in seinen besten Tagen.... Die Preisverleihung fand in der Gelateria Pia, in Valle di Cadore statt.
Wir warten noch auf Claudio Agnoli
Während wir auf die Juroren warten, nutzt Renate die Gelegenheit, um Ivano die Geschichte auf Deutsch vorzulesen. Das ist kein Problem, da Ivano jahrzehntelang einen Eisladen in Dortmund betrieben hat. Als Eismacher, der schon viele Preise für sein Können gewonnen hat, kennt er sich besonders gut aus und so sind wir alle gespannt, wie Lydias Geschichte bei Ivano ankommt.
Gespannt folgt Ivano der Geschichte ...
Ivano zeigte sich besonders beeindruckt von den detallierten Kenntnissen über die kulturelle Zerissenheit, die schon seit jeher den Cadorinischen Eismachern ein ständiger Schicksalsbegleiter war und die in der Geschichte auf eine einfühlsame Weise zum Ausdruck gekommen sei. Wir sind alle erleichtert.
Der große Moment
Nun ist es offiziell: Lydia Karstadt hat den ersten Preis des Wettbewerbs "Geschichten aus dem Cadore" gewonnen und erhält das begehrte Mini-Tablett. "Dann kann ich ja weiter über das Cadore schreiben", sagt Lydia und wir sind schon jetzt gespannt auf ihre Geschichten.
Die Geschichte "Sterne über dem Tal" von Lydia Karstadt werden wir euch in den nächsten Wochen als Fortsetzungsroman präsentieren!
Greift zum Bleistift, haut in die Tasten oder zückt euere Kameras! Seit dem 26. April 2017 gibt es einen besonderen Grund sich mit dem Cadore zu beschäftigen: Für den Geschichtswettbewerb "Raccontare il Cadore/ Geschichten aus dem Cadore" werden eure Geschichten und eure Filme über das Cadore gesucht. Mitmachen kann jeder und jede - Einsendeschluss ist der 26. Mai 2017. 
 Zu gewinnen gibt es ein Mini-Tablett, die Teilnahme ist für alle ohne jegliche Beschränkung möglich - es können auch mehrere Wettbewerbsbeiträge eingereicht werden. Die besten Geschichten werden auf diesem Blog veröffentlich. Das ist doch nicht schlecht, oder?
Noch bis zum 26. Mai können die Beiträge für den Wettbewerb eingereicht werden.
Macht mit!.
Wie könnt ihr teilnehmen? Es ist ganz einfach, schreibt eine Geschichte oder dreht ein Video über das Cadore. Der literarische Stil ist frei wählbar, jedoch gilt es für den italienischen und deutschen Blog die unterschiedlichen Themengebiete zu berücksichtigen: Im italienischen Blog suchen die Veranstalter des Wettbewerbs Geschichten über das Trekking, das Wandern oder das Radfahren im Cadore. Im deutschen Blog sind die Themen allgemeiner gefasst: Erzählt über Personen, Orte oder von den besonderen Werten und Einstellungen, die man im Cadore erfahren kann.

Die Wettbewerbsbeiträge müssen spätestens am 26. Mai 2017 um 12:00 Uhr mittags zusammen mit dem ausgefüllten Registrierungsformular zu dieser E-Mail-Adresse geschickt werden:

blograccontareilcadore@gmail.com

Sämtliche Informationen gibt es zusammen mit dem Teilnahmeformular als PDF-Datei zum Download:
Und wenn euch die richtigen Bilder zu eurer Geschichte fehlen, schaut euch doch einfach auf der Photo-Gallerie dieses Blogs um - alle Bilder stehen euch zur Verfügung. Ich bin schon jetzt gespannt auf eure Einsendungen. Eure Teresa!


Buchstaben der Elektrifizierung im Cadore.

Zuweilen ist es für Reisende lohnend, den im Allgemeinen nur automatisch absolvierten Teil einer Reise, bei dem der bereiste Ort beständig anhand seiner Beschriftung für einen unmittelbaren Gebrauch entziffert wird, für einen Moment diesem Automatismus zu entwinden und sich bewusst auf einen Gang entlang der Beschriftungen eines Ortes zu begeben. Man wird dann nicht nur einem zuvor vielleicht kaum bemerkten Reichtum und einer Vielfalt an Material und seinem historischen wie aktuellen Gebrauch begegnen, mit etwas Glück verwandeln sich Buchstabenreisen anhand der Spuren aus älterer Zeit zu einer gelingenden Archäologie der Kultur- und Gesellschaftsgeschichte eines Ortes.
Während es der Archäologie als einer sehr alten Disziplin an sich recht leicht fällt, weit verstreute kleinste Objekt-Bruchstücke als Zeugen zu einem Bild zusammenzusetzen, das in der Regel die Vergangenheit sichtbar werden lässt, hat es die Beschriftungsforschung einerseits etwas schwerer, solche Bilder in den disparatest angebrachten Schriftzeichen aller Zeiten und wiederbelebten Zeiten in den Palimpsesten der unterschiedlichsten Orte / Fundstellen eines Ortes erkennbar zu machen.  Das Cadore bietet jenen glücklichen Fall, dass hinter kaum mehr erkennbaren Beschriftungen, den vielfachen Überschreibungen und mehr oder weniger deutlichen Stilen und ihren Buchstabenresten in seinen Dörfern und Ortschaften dennoch ein deutliches Bild des Ortes CADORE für eine bestimmte Zeit und vielleicht sogar darüber hinaus gezeichnet werden kann.
Der Vorteil der Beschriftungsarchäologie liegt andererseits darin, dass in den allerseltensten Fällen gegraben werden muss, sondern die Fundstücke zumeist bereits als Schriftbilder offen zutage liegen, und so findet sich gleich im kleinen Örtchen Perarolo di Cadore über der Filiale der Poste Italiane mit dem Vernehmen nach recht reduzierten Öffnungszeiten die durch Wind und Wetter bis zur Unkenntlichkeit reduzierte Beschriftung ihres Hinweisschildes.



Was dort hängt, ist wohl der typische Ausstecker der italienischen Postfilialen in einer Version aus Metall mit einer kreisrunden und einer geteilten rechteckigen gelben Fläche, auf denen 3 Ziffern und das nur mehr von leichten Verschmutzungen freigestellte O bzw. die Ziffer 0 einer abgelösten Beschriftung zu sehen sind. Während die vorhandenen Ziffern offensichtlich zum Formen-Repertoire des Art Deco gehören, deutet das verschwundene O / die von Staub umrissene 0 eher auf eine schlichte neuzeitlich Grotesk hin und es bleibt zunächst unklar, was dort in welcher Schrift gestanden haben könnte.
Nicht weit entfernt findet sich in Calalzo di Cadore eine ebenfalls bereits von Verwitterung und Aufgabe gezeichnete, aber doch recht weitgehend erhaltene Beschriftung einer Fleischerei und eines Milchladens.



Die Buchstaben der Schriftzüge sind als zweigeteilte Flächen mit einer Vertiefung zur Strichmitte hin in die steinernen Rahmenblenden der Ladenfronten gemeißelt, für die Fleischerei zweifarbig jadegrün und grau und für den Milchladen inzwischen verblassend und abblätternd einfarbig rot ausgelegt. In den Buchstaben der LATTERIA zeigt sich wieder der Anschein einer modernen Grotesk/konstruierten serifenlosen Linear-Antiqua, bei der lediglich das R eine leicht eigenwillige Form des Bogens aufweist, während die teilweise ausgewaschenen Reste der MACELLERIA erneut eindeutig dem Art Deco zugeordnet werden können.
Die vielfältigen gut erhaltenen Beschriftungen der Glasscheiben entstammen dann offensichtlich einer neueren Zeit mit eher informellen Stilvorlieben.
Jenes zwischen Moderne und Art Deco schwankende Bild vieler Beschriftungen im Cadore wiederholt sich nach kurzer Wegstrecke und wird doch in seiner Tendenz  schon etwas deutlicher bei der nächsten MACELLERIA in Valle di Cadore.



Hier ist der ziemlich gut erhaltene Schriftzug auf den Putz des Hauses gemalt, trotz der farblich und auch technisch nicht ganz gelungenen Ausstreichung des Inhabers könnte die Beschriftung sogar noch »in Gebrauch« sein – immerhin gibt es am linken Türflügel ein Öffnungszeitenschild im neuzeitlichen Parkscheibenstil.
Die Buchstaben sind wieder zweifarbig angelegt, das blasse Jadegrün ist diesmal vom Petrolblau aus nach links oben versetzt um als Effekt räumliche, aufgesetzte Buchstaben zu simulieren. Es handelt sich abgesehen vom modernen M eindeutig um Art Deco, jedoch so individuell aus der Hand eines (vermutlich lokalen) Schildermalers, dass der 3D-Effekt nicht leicht auszuführen war und beim C genauso erstaunliche Ergebnisse hervorbringt wie das folgende E in einer gewissen Undeutlichkeit verharrt, weshalb vermutlich das zweite E als unlösbar geltend gleich gar nicht zu Ende geführt wurde. Bemerkenswert sind sonst das schöne A und das eigenwillige R und eine weitere inhaltliche sowie stilistische Ambivalenz bei den Hausnummern, da die eine, nämlich jene emaillierte 73 oberhalb des Schriftzuges, direkt in eine barocke und klassizistische Vergangenheit der Beschriftungen im Cadore weist, die im Nachbarort Borca di Cadore sogleich vertieft wird.



Während an diesem Haus der durch Verwitterung oder durch Abkratzen bzw. -schlagen zum Zeichen der Aufgabe der im Laden darunter betriebenen Unternehmung fast verschwundene Schriftzug unter dem linken Fenster sicher neueren Datums war (neben der reinen Einbildung vormaliger Beschriftung sind eine dynamische Schreibschrift oder Dekorative denkbar), stammen die Ziffern, die Glocke und der Pfeil der Sonnenuhr eindeutig aus dem 19. Jahrhundert und sind dem Klassizismus zuzuordnen.
Inwieweit die vertikal gereihten Kerben links des Pfeilendes und rechts der Pfeilspitze frühere Auslegungen der Zeichnung der Uhrbeschriftung abbilden oder inzwischen unkenntlich gewordene Zusatzelemente waren oder einfach dem Zerbröseln der Hausfassade geschuldet sind, lässt sich kaum bestimmen. Eindeutig dagegen ist der aus ähnlich ferner Vergangenheit stammende Widerschein barocker Schriften und antik-alpiner dekorativer Formen in der Bemalung eines Hauses in San Vito di Cadore nur wenige Schritte talaufwärts.



Der Urahn aller Buchstabenreisenden und Umgebungs-Entzifferer ist hier in eine leicht serifenbetont interpretierte Barock-Antiqua gekleidet und samt korinthischem Kapitellframent von gemaltem Holz umgeben, um ihn mit der Bindung an die weit verbreitete ornamentale Gestaltung der Holzfassaden der älteren Häuser im oberen Cadore für wenigstens (s)einen kurzen Aufenthalt heimisch zu machen.
Wie sehr Sonnenuhren und rustikale Heimeligkeit alter Ortskerne die fast allerletzten Spuren doch einer noch länger vergangenen und hier nicht zur genaueren kulturgeschichtlichen Bestimmung anstehenden Zeichen-Zeit des Cadore gehören, wird schnell deutlich, wenn noch ein paar Schritte weiter in San Vito di Cadore wieder eine gegenwärtig genutzte Ladenbeschriftung hervortritt und um einen Besuch bittet.



Die Buchstaben sind getreu den Anforderungen an dekorative Schriften mit merkantilen Zwecken mehrfarbig und mit dem Effekt eines harten Schlagschattens gestaltet, recht frisch aufgetragen und können doch wieder ohne weiteres als dem späteren Art Deco zugehörig betrachtet werden, denn auch die Kursive für das Gründungsdatum und die Kombination mit den folkloristischen Ornamenten widersprechen nicht einer Epochenbezeichnung, die eine sehr große Vielfalt vereint und tatsächlich erst im kultur- und stilhistorischen Rückblick konkretisiert wurde.
Bezeichnend ist dabei, dass die Kriterien für die Periodisierung des Art Deco überwiegend aus Medientheorien und einer Kunst- und Kulturwissenschaft, die soziohistorisch informiert ist, stammen und eben jene große stilistische Breite für diese Epoche begründen, die sich gleich wieder bestätigt, wenn man auf dem Rückweg in Borca di Cadore zufällig in das ehemalige Feriendorf der Ölkonzerns ENI gelangt.



Die Beschriftungen des in den späten 1950er Jahren nach Plänen des Architekten Edoardo Gellner begonnenen und 1963 fertig gestellten Areals, mit Bungalows für die Urlaub machenden Firmenangestellten, einem Bereich mit zeltartigen Holzhütten für deren ältere Kinder, einer Kirche  und einem zentralen Gebäudekomplex mit Veranstaltungsräumen und der kompletten Infrastruktur für die Ganztagsbetreuung der jüngeren Kinder, ist in der bis hier hin fast typischen Cadore-Mischung aus moderner statischer Groteskschrift und Art Deco angelegt. Während die räumliche Orientierung (RS, AS) in einer für die Kunststoff-Gravur angepassten Version der Akzidenz Grotesk erfolgte, lassen sich die Buchstaben der inhaltlichen Bezeichnungen (DORMITORI) eindeutig dem Repertoire des Art Deco zuordnen. Die neueren Beschriftungen, die vermutlich aus den 1980er Jahren stammen, sind nach dem Siegeszug der Helvetica modern und doch schon wieder bewusst differenzierend in einer der dann bei Architekten sehr beliebten Normschriften ausgeführt.
Je nach Periodisierung lassen sich wenigstens zwei Zeiträume des 20. Jahrhunderts ausmachen, in denen Schriftdesign und Gestaltung allgemein als Art Deco bezeichnet werden können. Der Gesamtzeitraum reicht in nicht vom Weltkrieg heimgesuchten Ländern von den frühen 1920er bis zu den frühen 1960er Jahren. Ein schönes Zeugnis der späteren Periode ist der Widerstreit eines Art Deco-Logos aus den 1950ern mit seinem modernen, in den 1970er Jahren erstellten Nachfolger auf einer Hauswand in Valle die Cadore.



Für diesen Nachfolger musste die Höhe der gesondert aufgebrachten Wandglättung für die Bemalung vergrößert werden, damit die vom Corporate Design vorgegebenen Randabstände eingehalten werden konnten. Danach erzeugte die Verwitterung ein abwechslungsreiches Hintergrundflächenspiel unterschiedlicher Farbgebung, das an sich schon als Art Deco zu bezeichnen ist. Ähnliches geschieht dem Schriftzug – die Buchstaben sind gemäß der Größe des Unternehmens sauber und ohne Eigenwilligkeiten lokaler Schriftmaler oder Fehler ausgeführt und am Beginn des Wortes sieht man deutlich die statische Grotesk, die dann aber keine Durchhaltekraft besitzt und am Ende des Wortes den Buchstaben des Art Deco das Urteil über sich (und damit die Moderne) überlässt. Das N hat dort wieder seine Spitzen, O und A erhalten die auffällig kleinen Punzen zurück und stehen wieder auf der Grundlinie des oberen Schriftzuges; das Z tendiert in seiner Zersplitterung ebenfalls dort hin.
Diese Beharrlichkeit und zugleich kulturgeschichtliche Bedeutung des Art Deco zeigt sich dann nochmal ein paar Schritte weiter talabwärts in Tai di Cadore auf dem wohl am meisten vom Verschwinden seiner Beschriftung und der zugrunde liegenden kulturellen Entwicklung betroffenen Gebäude des gesamten Cadore.



Es handelt sich um eine Station der Bahnstrecke von Calalzo di Cadore nach Dobbiaco, die Haltestelle für das etwas abseits gelegene Nebbiu – wozu sie aber erst nachträglich, per Übermalung und Anbringung einer Ordnungszahl in einer statischen Grotesk wurde, zu einer Zeit, in der sich die Personenbeförderung als Hauptzweck der Cadore-Bahn durchsetzte. Davor und eigentlich befand sich hier der Güterbahnhof von Pieve di Cadore, dessen Schriftzug bei der oberen Zeile mit einem foliengeklebten oder digital gedruckten Schild aus jüngerer Zeit übertackert ist.
Die Buchstabenform verdankt sich dem Art Deco, hier jedoch mit einigen Details, die fast noch dem Jugendstil zugehörig sind und damit den Blick auf die historischen Daten der Errichtung und verschiedenen Umwidmungen der Bahnlinie lenken. Diese ist zunächst eine benzinmotorbetriebene Versorgungslinie im 1. Weltkrieg und erlebt Mitte der 1920er Jahre ihre Elektrifizierung, also genau in der Zeit, in der die Ära des Art Deco beginnt und die Gesamtelektrifizierung in den meisten europäischen und amerikanischen Staaten stattfindet. Der Art Deco markiert diese erste Phase der mit Strom betriebenen Beschleunigung und Ausdehnung des Welthandels, der Dezentralisierung und Liberalisierung von Gesellschaften und Märkten bei fast gesamtkunstwerkartiger Durchdringung aller Lebensbereiche mit Stilbewusstsein und weltläufiger Gestaltung.
Der Anspruch des Art Deco auf gesellschaftsweite Wirksamkeit stammt vom Jugendstil, die Mittel sind noch stärker merkantil, Kunden, Akteure und Publikum allerdings bleiben großbürgerlich oder bürgerlich (für die kleinbürgerliche Variante einschließlich der Durchdringung der Arbeitswelt mit »Stil« sorgt zeitlich versetzt das Bauhaus) und hält sich wie gesehen bis in die frühen 1960er Jahre.



In diesen späten Jahren des Art Deco, die immer noch vom Streben nach einer weltläufigen Eleganz geprägt sind, hat die Poste Italiane wohl ihre Filialschilder gestaltet, mit einer seiner wie immer besonderen und eigenwilligen Schriften und dem Schriftzug POSTA TELEGRAFO in zwei Zeilen, was in Perarolo di Cadore wahrscheinlich so aussah.



Nach der Zeit des mondänen Art Deco hat sich dann das Bauhaus durchgesetzt, das Wohnen verschwand in Schachteln, das große Kino im Fernsehen, die Bahnlinie des Cadore wurde abgerissen (immerhin gibt es auf der alten Trasse einen Radweg, also Raum für ein einigermaßen liberales Verkehrsmittel) und die allgemeine Mobilität erfolgt in wieder benzinmotorgetriebenen Blechvehikeln in minder eleganter Gestalt, mit denen sich nicht reisen (cruisen) lässt, die als reine Versorgungslinie jedem (Mit)Reisenden die fachangestellte Arbeit des Kilometermachens auflädt und Dezentralisierung im Dosenformat bedeutet. Dennoch zeigt das Bild des entschrifteten Postfilialenschildes neben der alten und ihren verschwindenden Buchstaben schon eine neue Elektrifizierung, die allerdings noch so jung ist, dass sie ihren Stil nicht gefunden hat und für sich erst lernen muss, dass Funkübertragung als Ortsbeschriftung nicht ausreicht.

Zuweilen sollten Reisen auch einfach Buchstabenreisen sein, die sich bewusst demjenigen Teil jeder Reise widmen, der uns überhaupt Orte zeigt, denn erst wer durch Beschriftungen reist, erfährt Orte, weil es die Beschriftung ist, die einen Ort von einem Nicht-Ort unterscheidet.

Ich stehe auf der Aussichtsplattform der ehemaligen Grundschule in Casso - einer Gemeinde mit vielleicht vierzig Einwohnern. Der Nebel verhindert den Ausblick auf den Monte Toc und die Staumauer von Vajont, doch mir scheint, dass gerade dieser unbeschriebene Ausblick auch eine andere Lesart ermöglichen kann, insofern der Nebel die Wirkmächtigkeit dieses Ortes für einen Moment zurücktreten lässt . Ein Ort, der als Sinnbild der größten, von Menschen verursachten Katastrophe in den Dolomiten zu benennen ist. Die ehemalige Schule ist mittlerweile eine Dependance der dolmiti contemporanee (dc), über die ich schon in diesem Blog geschrieben habe. Wie auch in den anderen Orte von dc befinden wir uns hier in einem Spannungsfeld: Kunst und Katastrophe - wie kommt das zueinander, aufeinander, übereinander? - Ich warte auf Gianluca D'incà Levis, der bei dc von Beginn an als Kurator federführend beteiligt war und mir vielleicht bei der Antwortfindung helfen kann.
Eine unbeschriebene Aussicht für neue Lesarten
Die ehemalige Schule wurde 50 Jahre nach der Katastrophe von der Gemeinde Longarone zu einem Veranstaltungsort umgewandelt - Der Prozess war nicht einfach - und es hätte genauso gut sein können, dass der Ausgang dieser politischen Auseinandersetzung dem Dorf einen neuen Parkplatz beschert hätte.
Die Fassade zeigt noch die Schäden der Flutwelle aus dem Jahre 1963
Bis Oktober 2016 wurde hier die Gruppenausstellung solo gezeigt - der Kunstsammler Antonio Coppola präsentierte seine Sammlung zeitgenössischer junger Künstler, die sich in der gleichnamigen Zeitschrift solo dem Kunstdiskurs stellen.
Solo - die Kunstsammlung von Antonio Coppola im Nuovo Spazzi di Casso
Es ist eine ausgewählte Sammlung und der Kunstdiskurs über die Zeitschrift dürfte nur einem kleinen Fachpublikum geläufig sein - und wir befinden uns in einem kleinen Bergdorf, dessen Bewohner sich ihrem Schicksal als Überlebende schon allein wegen dem Ausblick auf die Staumauer und ihrer Einbettung in eine berührende Erinnerungskultur kaum entziehen können.
Das virtuelle Modell der Region
Ich frage Gianluca, wie er mit seinem Projekt an diesem Ort aufgenommen wurde. Er erzählt mir, dass es am Anfang schwierig war. Um sich und den Nuova Spazzio di Casso vorzustellen, hatte er alle Dorfbewohner eingeladen, doch kein einziger sei gekommen - stattdessen haben sich alle vor der etwas höher gelegenen Bar eingefunden, um das so stattfindende Ungeschehen vor dem Schulgebäude zu beobachten. Die Dorfbevölkerung hatte Sorge, dass an dem Ort ein weiteres Erinnerungszentrum an die Katastrophe entstehen könnte, ein weiterer Kannibalismus ihrer Geschichte, der sie daran hindern würde, ihr Leben selbst zu gestalten.
Architektur und Erinnerungskultur: Die Welle aus Beton
Seit den 70er Jahren wurde die Welle als Motiv in die postkatastrophische Bauweise der Region aufgenommen - aber dadurch, dass z.B. die Bearbeitung der Schadensersatzforderungen Jahrzehnte dauerte und nur wenige Verantwortliche verurteilt wurden, erscheint bei der Bevölkerung der Umgang mit der Erinnerung immer auch in einem skeptischen Licht. Gianluca hat sich so mit den Dorfbewohnern in vielen Gesprächen auseinandergesetzt und es dauerte eine ganze Weile, bis er ihr Vertrauen erlangte. Es waren nicht zuletzt die jungen Leute der Region, die über ihr Interesse an zeitgenössischer Kunst die Brücke schlagen konnten. So führt mich z.B. Dora durch die Ausstellung. Dora und ihre Schwester waren die einzigen Kinder in Casso, jetzt studiert sie in Venedig Japanologie und unterstützt nebenher Gianluca.
Dora führt durch die Ausstellung
Gianluca lädt uns auf einen Spritz zu Luigina ein, die in Casso seit einer Ewigkeit die Bar betreibt. Luigina erzählt mir zögerlich, dass sie 9 Jahre alt war und in einem Haus neben der Schule wohnte, als die Flutwelle am Abend in ihr Schlafzimmerfenster eindrang und alles verwüstete - sie hatte ein unwahrscheinliches Glück.
Bei Luigina in der Bar
Nach einer Weile werde ich hungrig. Gianluca, der mittlerweile das ganze Dorf kennt, bringt mich zu Teresa, die im Dorf einen Allimentari betreibt.
Auf dem Weg zu Teresas Allimentari
In der gemütlichen Stube treffen wir auf eine Familie aus Mestre, die dort auf ihrem Tagesausflug zufällig gelandet sind. Mir wird klar, es sind nicht zuletzt auch die normalen Alltagssituationen, die den Leuten hier hilft weiter zu machen - Und der Blick nach vorne.


mehr Infos

Nuovo Spazzio di Casso in Google Maps und noch mehr Fotos zu meiner Geschichte
Wir fahren vom Zoldotal nach Cibiana, einem kleinen Bergdorf, das an den Abhängen des schmalen Rite-Flusstales liegt. Darüber trohnt der Monte Rite auf dem sich das Messner Mountain Museum befindet. Cibiana und die dazugehörigen Ortsteile Pianezze und Masarie' bilden zusammen ein ursprüngliches Dorf mit engen und stillen Gassen. Die architektonische Bausubstanz stammt teilweise aus dem 16. Jahrhundert. Ein Dorf also wie aus dem Bilderbuch. Und Bilder sind eine weitere Charakteristik von Cibiana.
Cibiana mit seinen Häusern aus dem 16. Jahrhundert
Weltweit bekannt ist Cibiana nämlich wegen seiner Murales, den Wandmalereien, die die Wände der Häuser zieren und dabei die Geschichte des Dorfes erzählen - Impressionen über das Leben des Schmieds, des Müllers, des Maiers... Bereits seit Anfang der `80er Jahre gibt es diese künstlerische Initiative, in der berühmte internationale Künstler in mehr als 50 Wandmalereien nicht nur folkloristische und touristische Aspekte aufgreifen, sondern in einer Symbiose Kunst und dörfliche Architektur vereinen.
Auch aus der Welt des Sports ist Cibiana bekannt: Von hier stammen der Skispringer Nilo Zandanel oder Nevio De Zordo, der sich in den 60er und 70er Jahren als Bobfahrer seine Verdienste erworben hat. Im Winter gibt es eine Skilanglaufpiste, die sich über eine Länge von 4 km erstreckt und nachts beleuchtet ist. Man kann in Cibiana Tennis spielen oder in der neuen Boulderhalle das Klettern üben.
Für seine Murales ist Cibiana weltberühmt
Doch von diesen Geschichten möchte ich nicht so viel erzählen, da sie schon in vielen Reiseführern zu finden sind. Mich interessieren mehr die Bewohner und wie sie es schaffen, das Gemeinwesen in einem Ort zu reanimieren, der sich schon allein wegen seiner Abgelegenheit besonderen Herausforderungen zu stellen hat. Das einzige Hotel im Dorf ist schon seit Jahren geschlossen und viele Häuser stehen leer, da ihre Besitzer seit Langem das Dorf verlassen haben, um z.B. als Eismacher in Deutschland ihr Glück zu finden.
Ich komme also mit meiner Freundin Renate in Cibiana an und wir besuchen Mara in ihrer Bar. Mara betreibt ihre Bar schon seit fast 40 Jahren und kennt alle Geschichten des Dorfes. Viele Künstler der Murales haben ihr ein Bild geschenkt und so hängt in ihrer Bar eine Bildergalerie, an der sich die Wertschätzung für diesen besonderen Ort des Zusammentreffens ablesen lässt.
Mara und ihre Bar in Cibiana
Bevor wir bei Mara einen Kaffee bestellen können, schickt sie uns noch schnell ins Museo del ferro e della chiave - das Eisen- und Schlüsselmuseum in Cibiana. Sie sagt, dass wir es unbedingt besuchen müssen, bevor es seine Pforten schließt und so beeilen wir uns, das Museum im unteren Teil des Dorfes zu erreichen. In Cibiana gab es bis ins 19. Jahrhundert noch eine Eisenmine und zu jener Zeit war hier das Zentrum der Schlüsselproduktion. Noch heute gibt es in Cibiana die Schlüsselfabrik ErrBi, in der 40 Beschäftigte ein Volumen von 2000 Schlüsseln pro Tag produzieren.
Marco ist die Seele des Eisen- und Schlüsselmuseums
Das Museum wurde von den Dorfbewohnern Cibianas selbst mit viel Liebe zum Detail eingerichtet - vielleicht ein Versuch dem eigenen Verschwinden etwas entgegen zu setzen - Cibiana hat immerhin in den letzten Jahrzehnten zwei Drittel seiner Einwohner eingebüßt. Wir sind die einzigen Besucher und treffen dort auf Marco, der uns herumführt - und mir scheint, dass er hier im Museum auch wirklich seinen Platz in der Dorfgemeinschaft gefunden hat. Zum Abschied schenkt mir Marco noch einen Flyer über die Murales von Cibiana.
Ein paar Tage später komme ich noch einmal nach Cibiana. Dieses Mal um die junge Bürgermeisterin Luciana Furlanis zu besuchen, die mit dem Dorf noch so einige interessante Projekte geplant hat.
Luciana Furlanis - die Bürgermeisterin von Cibiana
Luciana stammt eigentlich aus Caorle, das am Meer oberhalb von Venedig liegt und ist der Liebe wegen nach Cibiana in die Berge gezogen - ihre Partnerin kannte Cibiana schon aus Kindertagen, weil ihre Familie dort ein Ferienhaus besaß. Ich fragte Lucianas Freundin, warum sie schließlich ganz nach Cibiana gezogen sei - und sie antwortet mit der Gegenfrage und ohne lange zu überlegen, warum solle sie nicht an den Ort ziehen, wo sie immer glücklich gewesen sei. Und so folgte Luciana ihrer Freundin und sie bezogen das Haus der Familie. Luciana erzählt mir, dass es anfangs für sie nicht einfach war, da sie an ein Leben mit vielen Menschen und einer großen Familie gewöhnt war und erst einmal mit den eher ruhigen Verhältnissen in Cibiana klarkommen musste. Sie nimmt einen Job in der Bar an und kennt nach kurzer Zeit alle Einwohner - kommt mit ihnen ins Gespräch und dabei entstehen Pläne für das Dorf, an dem zu dieser Zeit keiner mehr so richtig teilhaben wollte. Selbst das Bürgermeisteramt war nicht besetzt und die Belange des Dorfes wurden mehr oder weniger gut auf kommissarischer Ebene behandelt. Für Luciana war klar, dass es so nicht mehr weitergehen könne, sie kandidiert - noch ohne jegliche Erfahrung - für das Bürgermeisteramt, gewinnt den Posten und fängt an Cibianas Geschicke zu lenken. Anfangs geht es ihr vor allem darum, dass die Menschen wieder Verantwortung für ihr Eigentum übernehmen und damit aufhören, ihre Häuser, Gärten und Wiesen nicht einfach nur sich selbst zu überlassen. Kein leichtes Unterfangen - zu Mal sich einige Hausbesitzer kaum noch ermitteln lassen, da sie schon jahrzehntelang nicht mehr nach Cibiana gekommen sind um nach dem Rechten zu sehen.
Ein weiteres Projekt ist es, die leerstehenden Wohnungen von Cibiana in ein Albergo Diffuso zu verwandeln. Schon jetzt gibt es in Cibiana eine Rezeption, in der ca. 30 Ferienappartements angeboten werden - für temporäre Bewohner, die dem alten Dorf wieder neues Leben einhauchen können.
Gemüse, Heilpflanzen, Marmelade und Work & Travel aus Cibiana
Zur gleichen Zeit hat Luciana die Idee einen landwirtschaftlichen Betrieb in Cibiana zu gründen - sie möchte Gemüse, Heilpflanzen und Marmeladen produzieren. Im Dorf baut sie für dieses Projekt gerade ein altes leerstehendes Haus für ihre Geschäftsräume aus - und da Landwirtschaft in den Bergen sehr arbeitsintensiv ist, richtet sie für künftige ehrenamtliche Helfer im Obergeschoss des Hauses gleich eine Unterkunft ein. Ich bin mir sicher, dass sich bald einige junge Menschen über diese Work & Travel Angebot in Cibiana freuen werden - Zumal es mich an meine eigene Geschichte erinnert, wie ich Italien in jungen Jahren auf diese Weise für mich entdeckt habe.


mehr Infos

Cibiana in Google Maps und noch mehr Fotos zu meiner Geschichte
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